Mit Feuer malen - Anagama

Mein erster Anagama-Brand
Es war mal wieder Zeit, etwas Neues in der Welt der Keramik auszuprobieren. Nachdem ich in der Winchcombe Pottery schon einmal an einem Holzbrand teilgenommen habe, stand nun ein neues Projekt an: ein Anagama-Brand. Hierfür wurde ich von Harriet Coleridge eingeladen, die ich während meiner Töpferreise durch UK kennengelernt habe. Ihr Ofen befindet sich in einer wunderschönen, ländlichen Region im Westen Frankreichs und so wurde das Projekt auch mit einer kleinen Reise verbunden.
Was ist so besonders an einem Anagama-Brand?
Ein Anagama-Brand ist eine spezielle Form des Brennens von Keramik mit Holz, die ursprünglich aus Japan stammt. Die verwendeten Öfen sind aufgebaut wie ein Tunnel bzw. eine Höhle und verlaufen meist bergaufwärts. Die Kammer des Ofens ist in Stufen unterteilt, auf denen dann die Keramik aufgebaut wird. Am Ende des Tunnels befindet sich ein hoher Schlot, der dafür sorgt, dass mit genügend Sog die Hitze im Ofen verteilt wird. Der Ofen wird vor allem vorne am Eingang durch eine kleine Tür mit Holz angefeuert, aber auch durch kleinere Löcher an der Seite geschürt, damit auch die hintere Hälfte des Ofens mit Glut, Hitze und Asche versorgt wird. Der Brand findet allerdings nicht nur an einem Tag statt, sondern es wird mehrere Tage gefeuert. Also ist viel Holz notwendig und mehrere Teams, die rund um die Uhr den Ofen kontrollieren und Holz nachlegen. Aber diese Arbeit lohnt sich, denn die Flammen und die umherwirbelnde Asche dekorieren jedes Stück auf eine völlig einzigartige Art. Ab Temperaturen von über 1250 °C verwandelt sich Asche, die auf einem Stück landet, zu Glas und bildet somit eine Art Glasur. Von außen lässt man die Stücke also unglasiert, um die Flammen malen zu lassen. Diese Ergebnisse erhält man so in kaum einem anderen Brand.

Ablauf
Ein Anagama-Brand ist etwas völlig anderes im Vergleich zu einem Brand in einem Elektroofen. Hier wird nicht einfach der Start-Knopf gedrückt und nach wenigen Stunden und der Zeit zum Abkühlen ist alles fertig, so wie man es sich wünscht. In einem solchen Brand stecken viel mehr Vorbereitung, Arbeit, Risiko und Ungewissheit. Die Ergebnisse können unglaublich toll sein, aber auch ernüchternd. Gerade das macht es so spannend.
Vorbereitung
In Vorbereitung auf einen solchen Brand muss sich neben dem Herstellen der Keramik um vieles gekümmert werden. Es muss ein Team organisiert werden, der Ofen vorbereitet und ausgebessert werden, Holz gekauft, gespalten, zerkleinert und über eine längere Dauer eingelagert und getrocknet werden. Ganz schön viel Arbeit. In meinem Fall hat dies Harriet, die Besitzerin, übernommen, da sie in Frankreich vor Ort war. Für diesen Brand standen hauptsächlich Eiche, Kastanie und Kiefer zur Verfügung, die abhängig von der Situation eingesetzt wurden.
Kurz vor dem Brand müssen die Keramikstücke dann "gesetzt" werden. Man arbeitet sich Stück für Stück, von hinten nach vorne, durch den Ofen und die Kammer füllt sich langsam. Jedes Stück soll perfekt an seine Stelle passen und so wenig Platz wie möglich "verschwenden", ohne allerdings den Weg der Flammen zu blockieren. Also wird meistens eine Fläche erst zur Probe gesetzt, dann mit "Wadding" versehen (leider kenne ich nicht den deutschen Begriff, da ich von Briten umgeben war) und dann endgültig in den Ofen gestellt. Jedes Stück steht also auf kleinen Füßen, damit die Gefahr, dass sie an den Ofenplatten kleben bleiben, minimiert ist. Teilweise werden Stücke auch aufeinandergestapelt, getrennt durch Wadding und Muscheln, um noch weniger Platz zu verbrauchen und zusätzlich kann dies zu spannenden Effekten führen, da abgedeckte Teile eine Art Schatten des Ascheanflugs haben.
Während das Vorbereiten des Holzes und des Ofens sich über mehrere Wochen bzw. Monate erstrecken kann, hat bei diesem Brand das Bestücken des Ofens vier bis fünf Tage gedauert. In dem teilweise niedrigen Brennraum keine angenehme Arbeit.

Der Brand
Kurz vor Beginn des Brandes werden alle Gruppenmitglieder in Teams eingeteilt. Diese werden dann immer gemeinsam eine Schicht übernehmen. Die Schichten haben sich bei uns zeitlich sogegliedert, dass es jeden Tag stets eine von 2-8 Uhr, 8-14 Uhr, 14-20 Uhr und 20-2 Uhr gab. Die "Einsätze" wurden so geplant, dass jedes Team einmal in den sauren Apfel beißen und die 2-8 Uhr-Schicht übernehmen muss. So ist es fair für alle.
Um Mitternacht wurde das Feuer entfacht. Die Aufgabe der nächsten 12 Stunden besteht darin, den Ofen ganz langsam aufzuheizen, das sogenannte Candling oder auch Vorheizen. So sollen die letzten Feuchtigkeitsrückstände in der Brennkammer oder in der Keramik verdunsten und Explosionen verhindert werden. Zunächst verbleibt man für 8 Stunden auf ca. 115 °C und steigert sich in den nächsten 4 Stunden auf ca. 200 °C. Das ist tatsächlich leichter gesagt als getan, denn ein Feuer konstant bei einer geringen, niedrigen Temperatur zu halten, ist gar nicht so leicht.
Ist diese Etappe geschafft, beginnt das Aufheizen. Wir wollten in diesem Fall mit ca. 60-80 °C die Stunde 1000 °C erreichen. Nicht zu schnell und nicht zu langsam. Man muss permanent den Ofen beobachten, wie sich die Temperatur entwickelt, und im richtigen Moment, wenn die Temperatur gerade wieder sinken möchte, Holz nachlegen. Nicht zu wenig, nicht zu viel. Man muss sich erst mit dem Ofen vertraut machen und lernen, ihn zu lesen und ihn zu verstehen. Von dem Moment an versucht man die 1200 °C-Marke zu knacken. Das kann ganz schön viel Arbeit erfordern, aber liest man die Zahl das erste Mal auf dem Thermometer, ist die Freude umso größer.

Von hier an beginnt eine neue Phase. Man möchte die erste von mehreren Reduktionen vorbereiten. Reduktion bedeutet, dass man bewusst einen Sauerstoffmangel in der Ofenkammer erzeugt. Wir haben uns immer auf ca. 1280 °C-1300 °C hochgearbeitet, ein hohes Glutbett aufgebaut und dann eine große Menge Holz in den Ofen gegeben. Zusätzlich wird der Ofen so gut es geht verschlossen, damit kaum Frischluft in die Kammer hineindringt. Nun befindet sich also ein großes Feuer innerhalb des Ofens, das nach Sauerstoff sucht, um weiterzubrennen. Bekommt es also keinen Sauerstoff von außen, entsteht Kohlenmonoxid, welches dem Eisenoxid, das sich im Ton befindet, nun den Sauerstoff entzieht. Dadurch können gerade bei Tonen, die einen höheren Eisenoxid-Anteil haben, besonders schöne Effekte entstehen.
Dies wird über mehrere Stunden bzw. Tage immer wieder wiederholt. Man hofft also auf tolle Ergebnisse im Ton, aber auch durch Ascheanflug auf die glühend heiße Keramik. Diese Asche verwandelt sich im Brand zu einer glasartigen, teils verfärbten Oberfläche auf dem Ton.
Die Nachbearbeitung
Ist der Brand beendet, können sich alle Gruppenmitglieder das erste Mal seit Beginn des Brandes wieder gemeinsam treffen. Keiner ist mehr beschäftigt mit den Aufgaben der eigenen Schicht. Alles, was während des Brandes dokumentiert wurde, sowie die halbstündigen Mitschriften der Temperatur werden zusammengeführt und zu einem Graphen vereinigt. Nun kann also besprochen werden, wie der gesamte Brand abgelaufen ist.
Insgesamt hat der Brand, inklusive der 12 Stunden langsamen Aufheizens, 72 Stunden gebrannt. Für fast 50 Stunden haben wir uns bei Temperaturen von 1000 °C aufgehalten. Wie man dem Graphen entnehmen kann, konnten wir einige Reduktionszyklen in diesem Brand unterbringen. Dies erkennt man an den steigenden Temperaturen, die gefolgt werden von einem steilen Abfall. Anhand dieses Graphen sind wir sehr zufrieden mit dem Brand. Aber das tatsächliche Ergebnis muss abgewartet werden, bis der Ofen so weit abgekühlt ist, dass er geöffnet werden kann. Werden dann die Keramikstücke herausgeholt, sind sie zuerst enttäuschend, da sie voller Dreck sind, aber abgewaschen lassen sich dann die tatsächlichen Effekte, Ascheanflüge und Glasuren erkennen.
So ein Anagama-Brand ist also sehr viel Arbeit. Wie wir dort auch besprochen haben, lohnt sich der große Aufwand und die langen Stunden rechnerisch gar nicht für das Endprodukt. Aber gerade Keramikliebhaber:innen und Personen, die die Besonderheit solcher Stücke zu schätzen wissen, kennen ihren wahren Wert.
Gerade unter Töpfer:innen ist es nicht selten, dass eine "Sucht" nach dem Feuer entsteht. Denn dieser Nervenkitzel, der bei einem solchen Brand mitspielt, diese Variable, die man nie zu 100 % beeinflussen kann, ist ein ganz besonderer. Diese Suche nach so einem Nervenkitzel ist in mir definitiv entfacht und ich bin schon gespannt, welche Möglichkeiten zum Experimentieren sich in meiner Zukunft dafür noch ergeben werden.

Das Team:
Ben Whitman
Paul Raab